Technikerschule: Die Schulleitung macht eine erste Probefahrt

Veröffentlicht am Dienstag, 24.05.2016 | Peter Wollinger

Kategorien: Unsere Schule

Die Elektrokutsche wird getestet

Vier Speicherräder, ein Kutschbock, im Schiffchen vier Sitzplätze, die vis-a-vis angeordnet sind: Die Staatliche Technikerschule Deggendorf ist seit jetzt im Besitz einer stattlichen Kutsche. Der Clou: Das Vehikel ist nicht darauf angewiesen, von Pferden gezogen zu werden. Die Berufsschüler unter der Leitung von Studienrat Wolfgang Schwanzer haben die Kutsche elektrifiziert. Theoretisch könnte das Gefährt mit knapp 16 PS eine Höchstgeschwindigkeit von rund 160 km/h erreichen.

Als Bewunderer historischer Fahrzeuge kam Studienrat Wolfgang Schwanzer schon vor längerer Zeit die Idee, die Daimler-Motorkutsche von 1886 nachzubauen. Jenes Gefährt galt als erstes Vierradauto der Welt. Der Plan, sich exakt an das historische Vorbild zu halten, wurde aber nach einigem Nachdenken wieder verworfen. „Das wäre alles viel zu kompliziert gewesen“, so Schwanzer. „Wir haben dann einen ausgemusterten Marathon-Wagen von einem Pferdehof in Degernbach gekauft, der mit Stahlrahmen und Vollgummirädern eine perfekte Basis darstellte.“

In Schulleiter OStD Bartholomäus Sagstetter fand der kreative Leiter der Technikerschule einen begeisterten Unterstützer für seine Pläne. So konnten die Mittel zur Beschaffung der Teile und zur Einrichtung einer „Zukunftswerkstatt“ bereitgestellt werden.

Nächster Arbeitsschritt war das Auffinden einer Antriebsquelle: Hierzu wurde ein ausgemustertes Elektroauto vom Typ Mahindra Reva, das „E-Wald“ zur Verfügung gestellt hat, in seine Einzelteile zerlegt. Das Fahrzeug hat 11,3 kW Leistung (rund 16 PS) und eine Zulassung bis 80 km/h. „Als wir das Dach abtrennten, ließen sich die Türen nicht mehr öffnen, weil die Karosserie einknickte. Da haben die Schüler viel über Stabilität von Strukturen gelernt.“, erläutert Studienrat Wolfgang Schwanzer.

Von dem kleinen Elektroflitzer blieben letztlich nur Fragmente und die Technik übrig. In Frankenstein-Manier wurde aus den Überresten des Marathon-Wagens und des Mahindra Reva eine stattliche Kutsche, die über fünf Sitzplätze verfügt.

Damit auch die Optik der Kutsche entsprechend ausfällt, werden jetzt die Schreiner eine Edelholzverkleidung anfertigen, die Lackierer die Räder in neuem Glanz erstrahlen lassen, die Maler den Korpus entsprechend streichen und die Polsterer kümmern sich um die Lederüberzüge für die Sitzplätze. Auf diese Art wurde eine innovative Aktion der Technikerschule zu einem Projekt der gesamten Berufsschule.

Die Firma Webasto aus Hengersberg hat bereits zugesagt, ein maßgefertigtes und passendes Verdeck für die Kutsche anzufertigen, und die Lenkung für den „Kutscher“ steuerte ein 15-PS-Bautz-Traktor bei. „Die mussten wir aber kräftig umbauen, damit sie gepasst hat.“, erklärt Schwanzer und verweist dabei auch gleich auf das Kurvenlicht, das am Drehkranz der Kutsche angebracht ist.

Nach der Pensionierung von OStD Bartholomäus Sagstetter ist sein Nachfolger OStD Ernst Ziegler gleichermaßen angetan vom Projekt der Zukunftswerkstatt. Zusammen mit der stellvertretenden Schulleiterin StDin Angela Saller und den beiden Projektleitern OStR Dirk Steger und StR Wolfgang Schwanzer absolvierte er die erste offizielle Probefahrt mit der Elektrokutsche. Am Steuer saß der Schüler Maximilian Frieß, Mitglied der Projektgruppe.

Weil die Räder der Kutsche doppelt so hoch sind wie die des Mahindra, könnte das Vehikel theoretisch eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h erreichen. Das strebt natürlich niemand an. „Eine Straßenzulassung wäre schon super, weil wir damit natürlich auch zukünftig kräftig Werbung für die Berufsschule machen könnten.“, bekundete Schulleiter Ziegler.

Wer weiß, vielleicht ist die elektrische Kutsche der Berufsschule ja sogar die Initialzündung für die Zukunft der umstrittenen Fiaker in den großen Städten und der Erfindergeist der Schüler geht mit dieser Inspiration in die Geschichte ein.

Artikel in der Deggendorfer Zeitung vom 15. April 2016 von Florian Mittermeier, überarbeitet von Marco Steininger

Bildunterschrift: Der “Kutscher” Maximilian Frieß und seine Mitfahrer (v. links) OStD Ernst Ziegler, StDin Angela Saller und die beiden Verantwortlichen für Projektarbeit an der Technikerschule StR Wolfgang und OStR Dirk Steger